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Kreativität für alle
Die Creative Economies sind nicht nur ein Thema für Metropolen und einzelne Wirtschaftszweige.
Eines muss man den Amerikanern lassen: Auf die charismatische Verkündung einfacher und griffiger Botschaften versteht sich niemand besser als sie. Noch bevor Barak Obama mit seiner Vision des „Change“ die Massen in den USA und Europa elektrisierte, hatte es sein Landsmann Richard Florida geschafft, mit einer simplen Formel die Rathäuser und insbesondere die Wirtschaftsförderer in ungezählten großen und gar nicht so großen Städten weltweit in Aufruhr zu versetzen.
TTT - Talent, Technology, Tolerance. Die drei Begriffe waren leicht zu merken, und vor allem boten sie Stoff für Fantasie. In kürzester Zeit konnten Bürgermeister und Amtsleiter Floridas zentrale These zur Zukunftsfähigkeit der Städte im 21. Jahrhundert im Schlaf rezitieren. Dass seine Untersuchungsmethoden umstritten sind und sein Background ein sehr amerikanischer ist, war und ist dabei nicht so wesentlich. Wichtig ist vielmehr, dass mit dem drei T-beinigen Trojanischen Pferd das eigentliche europäische Thema, nämlich der Wert der vielfach kleinteiligen Creative Economies für die ökonomische, räumliche, kulturelle und soziale Stadtentwicklung in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen ist.
Dabei spielt die Überwindung traditionellen Ressortdenkens eine zentrale Rolle. Creative Economies haben eben sowohl eine Bedeutung für den Wirtschafts- als auch für den Stadtentwicklungs-, den Kultur- und den Sozialdezernenten, dazu noch ganz wesentlich für das Stadtmarketing. Nur zusammen gedacht und geplant kann eine Stadt wirklich Honig aus der ausgesprochen vielfältigen Struktur der Kreativwirtschaft, die vom Freelancer bis zum Medienunternehmen mit Milliardenumsatz reicht, saugen.
Es geht darum, die Potenziale der eigenen Stadt richtig einzuschätzen und die Schwerpunkte entsprechend zu setzen. Während Metropolen mit Einzugsbereichen von mehreren Millionen Menschen um die Führungsrolle in den hochkommerziellen Medien- und Werbeindustrien konkurrieren und im Unterbau die gesamte Palette der kreativen Branchen entwickeln können, sind für mittlere Städte zwischen 100.000 und 500.000 Einwohnern die Schwerpunktsetzung auf bestimmte Bereiche sowie die Vernetzung mit einem übergreifenden Wirtschaftsraum bzw. einer Metropolregion von großer Bedeutung. So hat sich zum Beispiel die Stadt Mannheim durch die intensive Zusammenarbeit mit den Nachbarstädten Ludwigshafen und Heidelberg und die Konzentration auf den Ausbau der Musikindustrie mit der Pop-Akademie und dem Musikpark Mannheim einen sehr guten Ruf erworben. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie über die kreativsten deutschen Städte schaffte Mannheim es unter die Top Ten.
Mannheim kann dabei an eine lange multikulturelle Tradition anknüpfen. Andere Anknüpfungspunkte hat die Autometropole Wolfsburg gefunden. Nachdem in den neunziger Jahren in der Stadtverwaltung und in der Führungsetage des VW-Konzerns das Bewusstsein gewachsen war, dass die wirtschaftliche Monostruktur auf Dauer in eine Sackgasse führt, gründete man die Wolfsburg AG. In der Folge entstanden Großprojekte wie die Autostadt, der MobileLifeCampus mit der AutoUni und das von Zaha Hadid entworfene Science Center Phaeno. Am Beispiel Wolfsburg zeigt sich besonders deutlich, welche kreativen Potenziale in den klassischen Industrien stecken. Zur Autoproduktion gehören nicht nur Ingenieure und Arbeiter, sondern ebenso IT-Spezialisten, Designer und Marketingfachleute. Wenn man ihnen ein attraktives Umfeld bietet, können sich diese Sparten eigenständig entwickeln und über die bloße Zuliefererrolle für die klassische Industrie hinauswachsen.
Neben der Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur spielt in Wolfsburg auch der Wunsch nach einer Attraktivierung der in typischer Nachkriegsarchitektur seinerzeit aus dem Boden gestampften Innenstadt eine Rolle. Institutionen wie die Autostadt oder das Phaeno ziehen nicht nur Kreativschaffende, sondern auch Touristen an, die wiederum das Publikum für neue Cafés, Restaurants Hotels, irgendwann vielleicht auch für Musikklubs und kleine Theater bilden. Für die Innenstadt kann das einen wichtigen Entwicklungsimpuls bedeuten.
Auch die Bebauung der Großen Bergstraße im Hamburger Stadtteil Altona stammt im Wesentlichen aus der Nachkriegszeit. In den sechziger Jahren entstand dort Deutschlands erste Fußgängerzone. Riesige Betonklötze beherbergten lange Zeit ein Kaufhaus und städtische Einrichtungen. Mit der Sanierung des angrenzenden gründerzeitlichen Stadtteils Ottensen begann dann aber der Abstieg der Großen Bergstraße. Das ehemalige Zentrum Altonas verödete mehr und mehr, die Großstrukturen waren nicht länger vermietbar und standen leer. Solche ins Abseits geratene und mit sozialen Problemen behaftete Quartiere haben neben vielen Nachteilen häufig einen entscheidenden Vorzug: Einen niedrigen Verwertungsdruck auf die Immobilien und daraus resultierende günstige Mieten und Preise. So werden sie attraktiv insbesondere für die kleinteiligen und wenn überhaupt nur gemäßigt kommerziellen kreativen Betriebe. Seit einigen Jahren hat ein gezieltes Quartiersmanagement dazu geführt, dass Galerien, Musikklubs sowie 2006 die international beachtete Kunstausstellung DingDong in die Gebäude der Großen Bergstraße einzogen. Die Belebung der Fußgängerzone ist insbesondere in den Abendstunden spürbar und das triste Ambiente ist nicht mehr nur trist, sondern bietet kreative Nischen, die insbesondere von jungen Leuten besetzt und erkundet werden. Dem Investoreninteresse hat diese Entwicklung durchaus aufgeholfen, die neuesten Planungen sehen eine Integration der kreativen Bausteine in die Restrukturierung des Gebäudekomplexes vor.
Wenn über die wirtschaftlichen Probleme Berlins oder auch des Ruhrgebiets berichtet wird, so ist in erster Linie immer vom Niedergang der klassischen Industrien die Rede. Und natürlich sind die Creative Economies nicht in der Lage, arbeitslos gewordenen Stahlarbeitern oder Fahrzeugbauern kurzfristig einen neuen Job zu verschaffen. Wenn man aber bedenkt, dass in Berlin in den letzten 15 Jahren durch Weg- und Zuzug ein Bevölkerungsaustausch von mehr als einer Million Menschen stattgefunden hat und dass ein großer Teil der Zugezogenen zu den Kreativschaffenden gehört, dann kann man die Entwicklungsdynamik der Creative Economies nur als beeindruckend bezeichnen. Und für die in Berlin wie im Ruhrgebiet vorzufindenden riesigen brach gefallenen Industriequartiere gilt, was auch für Hamburg-Altona kennzeichnend ist: In den Nischen siedeln sich Kreative an und machen die Gegend wieder interessant. Die Infrastruktur verbessert sich, und nach einiger Zeit kommen dann erste größere Firmen und Investoren. Wer hier jetzt das Gespenst der Gentrifizierung sieht, der liegt zwar nicht völlig falsch, sollte aber nicht verkennen, dass der Prozess zunächst einmal eine Verbesserung des gesamten Umfeldes und der Chancen für die Bewohner bedeutet und erst nach einem Zeitraum von 10 bis 20 Jahren zu den befürchteten negativen Konsequenzen einer Wandlung zum In-Viertel führen kann. Berlin-Mitte ist, auch durch seine exponierte Lage, an diesem kritischen Punkt angekommen. Viele andere Stadtteile wie zum Beispiel Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Oberschöneweide hoffen dagegen zunächst darauf, von den Chancen der Creative Economies profitieren zu können.
Berlin ist sicher ein herausragendes Beispiel, wenn es darum geht, wie man die kreativen Potenziale einer Stadt auch für das Stadtmarketing nutzbar machen kann. Doch auch im ländlichen Bereich kann so etwas funktionieren. Das Wendland, ein dünn besiedeltes Gebiet im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg nahe der Elbe, die dort bis 1990 die Grenze zur DDR darstellte, gehört zwar formal zur Metropolregion Hamburg, ist aber vor allem bekannt durch die Proteste gegen das Atommüll-Zwischenlager in Gorleben. Die Proteste und Demonstrationen gegen die Anfang der siebziger Jahre dort geplante Wiederaufarbeitungsanlage waren auch der Ausgangspunkt für die erste Ansiedlung von Künstlern, Musikern, Schriftstellern und anderen Kreativschaffenden in der Gegend. Inzwischen ist daraus eine regelrechte Szene entstanden, die das Wendland nicht nur für Demonstranten, sondern auch für Touristen attraktiv macht. Neben den landwirtschaftlichen Betrieben und der typischen bäuerlichen Kultur hat sich die Kreativwirtschaft inzwischen etabliert und sorgt dafür, dass es für Jugendliche ein Umfeld gibt, das früher nur in der Großstadt zu finden war. Zum spezifischen Marketing allerdings tragen die offiziellen Stellen nach wie vor wenig bei. Der Reiz der Region für Kreative kommuniziert sich auf informellen Wegen über das Internet und über persönliche Kontakte. Während vergleichbare Gegenden in Ostdeutschland, wie etwa die Uckermark, zu veröden drohen, bringt die Kreativszene für das Wendland eine stete Blutauffrischung. Hier zeigt sich, dass ländliche Gegenden eine gute Chance haben, sich als attraktive Standorte für kreative Branchen zu positionieren, wenn sie es verstehen, ihre Potenziale geschickt zu kommunizieren.
Diese Potenziale liegen nicht nur in der landschaftlichen Schönheit und der Natur, sondern auch in den herkömmlichen handwerklichen und kleinindustriellen Strukturen. Denn die zunehmende Bedeutung der Kreativität spiegelt sich nicht nur in der Expansion der typischen Kreativbranchen wie Kunst, Film, Mode etc., sondern mindestens ebenso stark in der kreativen Aufladung klassischer Handwerksberufe. Der Koch und der Schreiner sind nur zwei typische Beispiele. Hier gibt es für die ländlichen Regionen noch reichlich Felder, die zu beackern sind. Spezifische Ausbildungsgänge mit kreativer Ausrichtung und ein phantasievolles Marketing abseits ausgetretener Pfade können auch der Provinz neue Zukunftsperspektiven eröffnen.
Uwe Doll
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http://www.grossebergstrasse.de
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